Weitergeleitetes Leid

Von Mails, die ich meinem ärgsten Feind nicht schicken würde…

Da nun auch schon das StudiVZ (eigentlich eine Plattform zum wiederfinden alter Schulkameraden und Bündnis schließen mit anderen Studenten) zum Versenden gewisser Nachrichten missbraucht wird, erfolgt hier nun mal eine Übersicht über die Arten von Mails, deren Existenz ich gerne ausrotten würde.

1. Kategorie: „Schick-das-weiter-oder-STIRB“
Was soll das? Warum schickt mir jeder, der mich in seinem Adressbuch stehen hat, diese Mails? Und wer denkt sich das aus? Es reicht von „10 Jahre Pech in der Liebe“ bis zur halben Todesprophezeiung, was einem in diesen Kettenmails angedroht wird, sollte man sie nicht an mindestens 15 Leute weiterschicken. Da tun einem ja schon die Menschen leid, die gar nicht so viele Menschen kennen – da haben die armen Säcke schon fast keine Freunde und dann gehen sie deswegen noch drauf! Die hätten ja nicht mal die Möglichkeit, diesen Flüchen zu entkommen. Im Ernst, warum sollte ich das weiterschicken, noch dazu an meine Freunde? Denen wünscht man in der Regel kein Pech (jedenfalls nicht außerhalb der selbstgebastelten Normen für Gerechtigkeit in der Welt).
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2. Kategorie: „Ist das nicht ent-supi-niedlich?“
Es ist in Ordnung, wenn du Diddl-Mäuse liebst. Es ist vollkommen legal, einen Teddy im Bett liegen zu haben. Ich werde niemals darüber spotten, wenn jemand Glücksbringer-Kuscheltiere zu Prüfungen mitbringt. Aber Mails, die schon im Betreff-Text Anmerkungen wie „Eine schöne Geschichte“ stehen haben – das ist eindeutig ein Auslöser für diesen Brechreiz, der mich dann und wann überkommt. Erstens sind diese Wahnsinnsgeschichten, Gedichte und Plüsch-Power-Point-Präsentationen einem schon so bekannt, dass es weh tut, zweitens: Wenn mich ganz plötzlich das Gefühl überkommt, ich müsste jetzt 53 Steiff-Teddys anschauen, dann kann ich „Steiff-Teddy“ in der Suchmaschine meines Vertrauens eingeben und habe, was ich brauche. In der Regel interessieren mich schöne Geschichten nur, wenn sie der Absender selbst erlebt hat. Ansonsten weckt mich, wenn der Weltfriede da ist.
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3. Kategorie: „Wer-das-nicht-weiterschickt-hat-mein-Kind-getötet“
Wie abartig gestrickt muss jemand sein, um so mit dem Mitleid der Menschen zu spielen? So, AOL zahlt euch 50 Cent für jede Mail, die weitergesendet wird, damit der arme Fridolin ein neues Herz, eine neue Lunge, ein neues Leben bekommt? Aber Kontakte zum Direktspenden gebt ihr nicht an. Hat AOL sicher verboten, hm? Oder: Ihr wollt mich total veräppeln. Und ich tippe da auf Möglichkeit 2. Das wirklich fiese an diesen Mails ist, dass man tatsächlich ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man sie nicht weiterschickt, a la „Und wenn’s nun doch stimmt?“ Und wenn tatsächlich mal ein Hilfegesuch reinschneit und jemand nach einer passenden Blutgruppe sucht, dann denkt sich der abgebrühte Kettenmailempfänger: „Alles klar, und den Weihnachtsmann gibt es wirklich.“ , nur weil man zuvor diese ganze Rotze geschickt bekommen hat. Ich bitte euch alle: Spendet richtig oder lasst es.
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4.Kategorie: „Das-funktioniert-äääääscht-Spiel“
Man kann nur mit dem Kopf schütteln. Schreibe so und so viele Zahlen auf, schreibe so und so viele Namen dahinter, bla bla blubb und hast du nicht gesehen, dort und da steht der Name von dem, den du lüüübst! Na, ach, nee. Als wenn dem normal tickenden Menschen nicht auf Anhieb die Leute einfallen würden, die ihm am nächsten stehen. Die kleinen Spielchen versuchen noch, einen zu verwirren, indem sie einen erst was hinter die 3 schreiben lassen, dann hinter die 5 und so weiter und sofort. Ja, bin ich denn knacksig im Kopf, dass ich das nicht merken soll? War irgendwo ein Hinweis „Bitte nur mit einem IQ über 5 mitspielen!“, den ich überlesen habe? Und dann die alte Leier: schick das weiter, sonst beisst dich ein siebenköpfiges Malzbier genau in die Achselhöhe. Und wenn du’s weiterschickst, dann geht dein Wunsch in Erfüllung! Oh, wenn das so ist: Einmal fest „Weltherrschaft“ denken und ab dafür!
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Früher hat es die Abergläubigen wenigstens noch Zeit und Geld gekostet, die vielen Briefe abzuschicken – jetzt geht der Wahnsinn per Mausklick in die Welt.

Wer jetzt das Gefühl hat, er müsste diesen Text jemandem in die Mailbox stopfen, der tue sich keinen Zwang an.
Angemerkt sei nur: Heute wird hier niemand sterben, weil er es nicht tut.

Ein Gedanke zu „Weitergeleitetes Leid

  1. Webmaster

    Oh ja, solche Mails bekommt man zuhauf… ne Lösung wäre dann da
    nur dem Absender das mal zu erklären warum solche Mails wie zum
    Beispiel unter Punkt 3 (Weiterleiten von Mails bringt irgendwo
    Geld) nicht funktionieren – schon allein aus den Gründen des
    Datenschutzes.

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