Komivo on Tour – 4. Schwachstrom aus Saugnäpfen

Es ist 13:49 Und Klein-Komo hat sich mal wieder allein auf die Socken gemacht. Vermutlich bin ich deshalb viel zu früh und erwische einen früheren Zug als geplant. Diesmal geht es nach Augsburg und ich freue mich schon auf den Kräutergarten, von dem ich vorher gelesen habe.

Im Zug befinden sich in der Sitzgruppe neben mir zwei Mädels und unterhalten sich. Sie vermuten ich würde Musik hören, aber weil sie so laut sind habe ich den Mp3 Player abgeschalten. Die Stöpsel bleiben im Ohr und ich belausche die Beiden. Eine von ihnen ist ganz Frau von Welt und weiß sagenhafte Dinge zu berichten. Sie meint, das Kieselerde ganz bestimmt gut wirkt und hat daher immer ein paar Tabletten dabei. Es hat ihr seinerzeit mal sehr mit einem Ausschlag geholfen, deshalb schwört sie jetzt darauf. Kieselerde ist nur leider sehr teuer, gibt ihr Gegenüber zu bedenken. Aber es hilft ja, meint Dame von Welt. Außerdem empfiehlt sie Elektromassagen, bei denen Schwachstrom aus Saugnäpfen in den Körper geleitet wird. So können Rückenschmerzen ganz wunderbar behandelt werden, es kribbelt nur ganz leicht.

In Augsburg mache ich mich als gutes Christenkind erst einmal auf den Weg zum Dom und irgendwie kommt es mir so vor, als hätte Augsburg eine Abneigung gegen Ampeln. Diese kommen nämlich nur selten vor und stehen dann auch noch so ungünstig oder auch überflüssig, dass sie kaum beachtet werden. Hier gilt also noch das alte Prinzip: Wir schauen nach links, wir schauen nach rechts. Daran muss ich mich erst mal wieder gewöhnen – als steter Ampelbenutzer weiß man ja schon gar nicht mehr recht einzuschätzen, wie schnell die Autos sind. Aber ich erreiche dann doch den Dom und der ist ganz hübsch. Weil ich vorher etwas über Prophetenfenster gelesen habe, suche ich die und oute mich so als waschechter Tourist. Aber wenigstens nehme ich mir auch ein paar Minuten Zeit, um mich in eine Kirchenbank zu setzen. Gern würde ich behaupten, ich hätte da in stiller Andacht gesessen, aber das war kaum möglich. Eine Putzfrau war nämlich gerade begeistert dabei, den Altarraum zu saugen. Bei diesem Gedöhns war es etwas schwer, Erleuchtung zu erfahren.

Also mache ich mich auf zur großen Stadttour, für die man einfach nur den grünen Schildern nachjagen muss – keine Karte notwendig. Ich besuche das Brechthaus, ein schönes Antiquariat („Angy’s Haferl“, Jakoberstraße 37, sehr empfehlenswert!) und stehe dann auch endlich im Kräutergarten. Zahlreiche Arten von Minze stehen da erwartungsvoll in den Beeten und wollen von mir gekaut werden. Wer den Augsburger Kräuergarten nicht kennt: Man findet ihn in der Nähe des Roten Tors und darf dort jederzeit Kräuter für den Eigenbedarf ernten. Ein Schild mahnt aber noch, nur das Notwendigste mitzunehmen. Also knapse ich mir eine Handvoll Salbei ab, denn aus einem Salbei-Butterschwenk kann man eine wunderbare Soße für Gnocchi machen.

Später sitze ich wieder in der Innenstadt und habe den besten Zwetschgen – Streuselkuchen der Welt vor mir. Dazu eine Tasse Kaffee und mein Leben ist schön.
Etwas dreist finde ich die beiden Damen, die an mir vorbeischlendern. Eine von beiden meint zur anderen: „Den Kuchen hattest du uns ja empfohlen, da muss ich aber sagen, der war nicht gut.“
Ich widerstehe dem Impuls, eine Zwetschge nach ihr zu werfen und unterhalte mich lieber mit dem alten Herrn am Tisch neben mir. Dem hatte ich zuvor die letzte Tasse Kaffee weg geschnappt, aber er nimmt es mir kaum übel. Immerhin war es ja ein guter Vorwand, um sich mit mir zu unterhalten.

Im Jokers Restsellers kann ich nicht widerstehen und kaufe mir zwei Bücher. Mit dem im Brechthaus gekauften „Mutter Courage“ macht das nun schon drei und ich frage mich ernsthaft, ob ich nicht so etwas wie ein zwanghaftes Buchkaufverhalten habe.

Am Bahnhof hole ich mir dann noch ganz projektgetreu zwei Bier aus Augsburger Brauereien und wenig später sitze ich mit arg kaputt gelaufenen Füßen wieder im Zug.
Am selben Abend gibt es Salbeignocchi.

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