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Komivo on Tour – Bamberg was my first love…

…and it will be my last. Die letzte Reise trete ich in die Stadt an, die mir zwei Jahre lang eine schöne Heimat war. Dort will ich mich mit meiner besten Freundin treffen, denn sie hat damals noch mit mir studiert. Zusammen wollen wir in der Vergangenheit schwelgen, die alten Plätze aufsuchen und in unsere ehemalige Lieblingsdisco gehen. Anschließend pennen wir in ihrem Golf.

Um 9:43 sitze ich im Zug und freu mich fast tot. Die Bilder im meinen Kopf erzählen mir die kleinen Geschichten von damals noch einmal: Wie wir Baywatch am Baggersee nachdrehten, zu Ostern Shokoladenriegel verteilten, betrunken Fahrräder am Bahnhof klauten (aber auch wieder zurückstellten, keine Angst)…
Mir fällt wieder ein, wie sehr ich die 4 Stunden Fahrt gehasst habe, wenn ich meine Eltern besuchen musste. Aber mittlerweile bin ich ja Zugprofi und habe genügend Beschäftigung. Außerdem ist es immer wieder schön, den Nachbarn zu lauschen. Zum Beispiel sitzt da nicht unweit von mir ein Experte für Alles – manch einer kennt den Menschenschlag vielleicht. Gerade regt er sich mit einer emsigen Ja-Sagerin über die sich nicht integrierenden Türken auf. Wenn die wenigstens Deutsch sprechen würden! Aber nein! Da mischt sich allerdings ein Herr von nebenan ein. Er sei auch Türke, meint er akzentfrei, und er habe doch die Feststellung gemacht, dass manche deutschen Kinder schwerer zum Hochdeutschen finden würden, als seine Kinder. Außerdem werde recht schnell jemand als Türke bezeichnet, der eigentlich ein Kurde ist. Die meisten Deutschen wissen ja nicht einmal, das es diesen Unterschied gibt, das nur so am Rande.
Einen Moment ist Ruhe und ich lache leise in mich hinein. Aber der Alleswisser fängt sich schnell wieder und beginnt mit dem Widersacher ein diplomatisches Gespräch. Immerhin.

Derweil kommt zum fünften Mal dieselbe Durchsage und auch ich möchte dringlichst darauf aufmerksam machen, dass das Bayernticket nur mit Unterschrift und für die zweite Klasse gilt. Die erste Klasse ist nur für Reisende mit Erste Klasse Ticket. Wer ein Ticket der zweiten Klasse hat und sich in der ersten Klasse befindet, wäre doch herzlichst dazu aufgefordert, diese zu verlassen. Außerdem ist die Verspätung des Zuges um 6 Minuten zu beachten und zu verzeihen. Man wiederholt: „Achtung! Das Bayernticket…“
Ich werde wahnsinnig, wenn das so weitergeht.

Um 13.45 bin ich in Bamberg und die Golfinatorin kommt fünf Minuten nach mir an. Wir haben uns seit einer halben Ewigkeiten nicht gesehen, aber es ist alles wie immer. Bald haben wir neue Running-Gags gefunden und ziehen lachend die geplanten Kreise. Erste Station ist der Chinese, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Er ist der Beste und danach sind wir pappsatt. Jetzt werden alle anderen Orte abgeklappert. Es geht zum Dom, in den Rosengarten, an die Universität, zum Baggersee, in die Disco. Wir rauchen viel und reden noch mehr, bald schon werden wir wehmütig. Die zwei Jahre hier waren schon etwas ganz Besonderes – mir kommt es so vor, als wäre in Bamberg immer nur Sommer gewesen.

Etwas außerhalb der Stadt schlafen wir volltrunken im Auto ein, wie in guten alten Zeiten.
Nach der Heimreise am nächsten Tag werfe ich mein Ferienticket fast in den Müll, doch dann entscheide ich mich doch dafür, es in mein Album zu kleben. Dann wird mir immer wieder einfallen, wieviel Spaß ich damit hatte.

Und nun noch ein kleiner Schluss – Appell: Steigt dann und wann in den Zug und kurvt ein bisschen rum in der Nachbarschaft – es gibt sicher viele Städte in der Region, in denen ihr noch nicht gewesen seid und sie sind bestimmt schöner, als ihr glaubt.

Eure Komo

Komivo on Tour – 4. Schwachstrom aus Saugnäpfen

Es ist 13:49 Und Klein-Komo hat sich mal wieder allein auf die Socken gemacht. Vermutlich bin ich deshalb viel zu früh und erwische einen früheren Zug als geplant. Diesmal geht es nach Augsburg und ich freue mich schon auf den Kräutergarten, von dem ich vorher gelesen habe.

Im Zug befinden sich in der Sitzgruppe neben mir zwei Mädels und unterhalten sich. Sie vermuten ich würde Musik hören, aber weil sie so laut sind habe ich den Mp3 Player abgeschalten. Die Stöpsel bleiben im Ohr und ich belausche die Beiden. Eine von ihnen ist ganz Frau von Welt und weiß sagenhafte Dinge zu berichten. Sie meint, das Kieselerde ganz bestimmt gut wirkt und hat daher immer ein paar Tabletten dabei. Es hat ihr seinerzeit mal sehr mit einem Ausschlag geholfen, deshalb schwört sie jetzt darauf. Kieselerde ist nur leider sehr teuer, gibt ihr Gegenüber zu bedenken. Aber es hilft ja, meint Dame von Welt. Außerdem empfiehlt sie Elektromassagen, bei denen Schwachstrom aus Saugnäpfen in den Körper geleitet wird. So können Rückenschmerzen ganz wunderbar behandelt werden, es kribbelt nur ganz leicht.

In Augsburg mache ich mich als gutes Christenkind erst einmal auf den Weg zum Dom und irgendwie kommt es mir so vor, als hätte Augsburg eine Abneigung gegen Ampeln. Diese kommen nämlich nur selten vor und stehen dann auch noch so ungünstig oder auch überflüssig, dass sie kaum beachtet werden. Hier gilt also noch das alte Prinzip: Wir schauen nach links, wir schauen nach rechts. Daran muss ich mich erst mal wieder gewöhnen – als steter Ampelbenutzer weiß man ja schon gar nicht mehr recht einzuschätzen, wie schnell die Autos sind. Aber ich erreiche dann doch den Dom und der ist ganz hübsch. Weil ich vorher etwas über Prophetenfenster gelesen habe, suche ich die und oute mich so als waschechter Tourist. Aber wenigstens nehme ich mir auch ein paar Minuten Zeit, um mich in eine Kirchenbank zu setzen. Gern würde ich behaupten, ich hätte da in stiller Andacht gesessen, aber das war kaum möglich. Eine Putzfrau war nämlich gerade begeistert dabei, den Altarraum zu saugen. Bei diesem Gedöhns war es etwas schwer, Erleuchtung zu erfahren.

Also mache ich mich auf zur großen Stadttour, für die man einfach nur den grünen Schildern nachjagen muss – keine Karte notwendig. Ich besuche das Brechthaus, ein schönes Antiquariat („Angy’s Haferl“, Jakoberstraße 37, sehr empfehlenswert!) und stehe dann auch endlich im Kräutergarten. Zahlreiche Arten von Minze stehen da erwartungsvoll in den Beeten und wollen von mir gekaut werden. Wer den Augsburger Kräuergarten nicht kennt: Man findet ihn in der Nähe des Roten Tors und darf dort jederzeit Kräuter für den Eigenbedarf ernten. Ein Schild mahnt aber noch, nur das Notwendigste mitzunehmen. Also knapse ich mir eine Handvoll Salbei ab, denn aus einem Salbei-Butterschwenk kann man eine wunderbare Soße für Gnocchi machen.

Später sitze ich wieder in der Innenstadt und habe den besten Zwetschgen – Streuselkuchen der Welt vor mir. Dazu eine Tasse Kaffee und mein Leben ist schön.
Etwas dreist finde ich die beiden Damen, die an mir vorbeischlendern. Eine von beiden meint zur anderen: „Den Kuchen hattest du uns ja empfohlen, da muss ich aber sagen, der war nicht gut.“
Ich widerstehe dem Impuls, eine Zwetschge nach ihr zu werfen und unterhalte mich lieber mit dem alten Herrn am Tisch neben mir. Dem hatte ich zuvor die letzte Tasse Kaffee weg geschnappt, aber er nimmt es mir kaum übel. Immerhin war es ja ein guter Vorwand, um sich mit mir zu unterhalten.

Im Jokers Restsellers kann ich nicht widerstehen und kaufe mir zwei Bücher. Mit dem im Brechthaus gekauften „Mutter Courage“ macht das nun schon drei und ich frage mich ernsthaft, ob ich nicht so etwas wie ein zwanghaftes Buchkaufverhalten habe.

Am Bahnhof hole ich mir dann noch ganz projektgetreu zwei Bier aus Augsburger Brauereien und wenig später sitze ich mit arg kaputt gelaufenen Füßen wieder im Zug.
Am selben Abend gibt es Salbeignocchi.

Komivo on Tour – 3. Man muss Herzaugen haben

Lydia hat ihr Physikum bestanden und das muss gefeiert werden. Deshalb fährt sie mit Lara und mir nach Bad Tölz. Wir wollen uns die Stadt anschauen und anschließend soll’s ins Alpamare gehen. Dahin dann allerdings ohne mich, weil ich nicht so der Schwimmhallenfan bin. Um 12:05 sitzen wir brav im Zug, den wir NICHT verpasst haben. Mit Lara im Gepäck ist das schon fünf Großbuchtaben wert. Ich alter Streber habe mich schon vorher über Bad Tölz informiert und viele witzige Kleinigkeiten herausgefunden. Zum Besipiel über den heiligen Florian, der am Fritzplatz als Statue mit blankem Hintern steht – Provokation für das gegenüberligende Finanzamt! Oder die Marienstatue, die aus einem Hakenkreuz gegossen wurde, nachdem die Stadt von einem Bombardement verschont blieb. Auch nicht zu verachten ist, dass es hier 22 Brauereien gibt.

In der Stadt angekommen machen wir uns auf die Suche nach dem Rosengarten, der schon mal nicht leicht zu finden ist für uns Neulinge. Grund genug für Lydia, um ein wenig poetisch zu werden: „Das Tor zum Rosengarten finden nur die, die ihn wirklich suchen. Er öffnet sich nicht jedem!“
Also suchen wir ihn reinen Herzens und sitzen dann auch bald zwischen zahlreichen duftenden Rosen in einem Pavillion. Mit Plastebechern vom IKEA und Prosecco aus dem Rewe stoßen wir auf uns und das Physikum an. Lydia hat sogar belegte Brötchen dabei.

Später gibts Fisch im Restaurant und Fußbäder an der Isar, die hier viel blauer ausschaut, als in München. Seltsam, seltsam. Wir unternehmen ein paar erbärmliche Versuche, Steinchen springen zu lassen und finden dabei viele herzförmige Kiesel, die wir auch prompt zu sammeln beginnen. NAchdem Lara sich ein paar Steine angeschaut hat, meint sie: „Man kann hier jeden Stein für ein Herz halten. Man muss nur die Herzaugen haben.“
Das klingt so bekloppt, dass Lydia und ich uns kaum halten können vor Lachen. Lara ist deshalb etwas eingeschnappt, aber nicht lange. Sie und Lydia ziehen weiter ins Spaßbad und ich schlendere noch ein wenig über den Marktplatz, bewundere die Lüftelmalerei und suche nach den berühmten Außentreppen. Davon soll es hier viele geben, weil die Häuser früher in Stockwerken vermietet wurden. Ich finde allerdings keine Holztreppen, dafür einen tollen Buchladen, aus dem ich wieder mal schwer weg zu bekommen bin. Ich bin dann aber doch sehr stolz, als ich es diesmal ohne Einkauf wieder heraus schaffe.

Ein wenig geschafft mache ich mich auf die Heimreise und bekomme daheim eine SMS von Lydia: „Bad war super, Lara hat ne Beule. Mein Körper wurde heute porentief gereinigt (alle Talgdrüsen tot) und jetzt schlafen wir in der BOB. Liebe Grüße, die 2 von den 3.“

Komivo on Tour – 2. Sonnenmilch und Kokosnuss

Es ist 12:35 Uhr und ich sitze allein im Zug nach Tegernsee. Ohne Lara klappt das zwar alles viel besser, aber es ist auch weniger unterhaltsam. Wie dem auch sei, die Sonne scheint wie verrückt und am See wird es sicher schön. Kurz bevor der Zug sich in Bewegung setzt, irrt ein altes Ehepaar durch das Abteil. Ob sie denn hier richtig sind, wollen sie wissen und eine einmalige Auskunft reicht ihnen da nicht, deshalb fragen sie lieber dreimal. Ein Herr neben mir meint: „Wenn’s nach Tergernsee wolln, könn’s bleim. Wenn’s nit nach Tergernsee wolln, könn’s a bleim, aba dann gehn’s hoid verkehrt.“ Er grinst mich dabei spöttisch an und ich weiß gleich, den hab ich gern.

Am frühen Nachmittag bin ich am Strand. Es riecht nach Sonnenmilch und Kokosnuss und in unmittelbarer Nähe meines ausgebreiteten Badehandtuchs hat sich eine amerikanische Großfamilie angesiedelt. Die kleine Tochter Mia hat panische Angst vor dem Wasser. Immer, wenn ein Boot vorbei kommt und Wellen schlägt, fängt sie an zu weinen, ganz besonders, wenn sie sieht, dass der Papa im Wasser ist. Vermutlich hat sie Angst, der könnte untergehen und so muss er immer rufen: „It’s okay, Mia! It’s okay!“ Dann dreht sich das kleine Goldlöckchen wieder zu der Sandburg um, an der sie ganz gekonnt herumbaut.

Eine Stunde später ist die American Family von dannen. Den geräumten Platz haben ein paar WGler eingenommen. Einer von ihnen hat vor ein paar Tagen eine fette Spinne aus dem Zimmer einer Mitbewohnerin entfernt. Sein Vorhaben, das Tierchen daraufhin in den Strudeln des Klos untergehen zu lassen, scheiterte allerdings. Bevor er spülen konnte, krabbelte die Spinne unter den Porzellanrand der Toilette und jetzt hockt sie immer noch da. Seitdem benutzt die komplette WG nur noch das zweite Klo.

Es ist 15:45 und neben mir schreit und weint die kleine Luise. Sie wurde von einer Ameise gebissen. Ein Junge mit Basecap steht in einigen Metern Entfernung unschlüssig da und schaut Luise an. Er ist sichtlich entsetzt, weiß aber auch gar nicht, wie er Luise helfen soll. Als ihre Eltern sie beruhigt haben, ist er erleichtert, packt seine Schwimmflügel und geht wieder ins Wasser.
Das ist allerdings so kalt, dass ich es nach zwei Versuchen aufgegeben habe, darin zu schwimmen. Länger als fünf Minuten hält man es nicht aus und aufgrund der vielen Boote kommt man ohnehin nicht weit.
Am späten Nachmittag packe ich meine Sachen zusammen und gehe. Am kleinen Bahnhofskiosk nehme ich mir noch zwei Tergernsee Spezial mit. Der Inhaber fragt mich, ob er eins davon schon aufmachen soll und ich nicke grinsend. Neben einem stillgelegten Gleis steht ein alter Lokschuppen, auf dessen Treppe ich es mir mit meinem Bier bequem mache. Die Hitze und zirpende Grillen schaffen eine westernreife Atmosphäre, also halte ich nach umherfliegenden Ginsterbüschen und Heuballen Umschau – leider vergeblich.

Trotzdem ein toller Ausflug.

Komivo on Tour – 1. Beinahe Chiemsee

Um in den Semesterferien mal etwas mehr unternehmen zu können, habe ich mir das Ferienticket der Bahn gekauft. Dies ist mein Reisetagebuch.

Das Ticket ist noch ganz frisch und zusammen mit meiner guten Freundin Lara (Name geändert) habe ich eine Liste von Zielen ausgearbeitet. Wir wollen so viele wie möglich mit dem Zug bereisen und am 17. August soll es mit Prien am Chiemsee losgehen.

„Wir treffen uns um 11 Uhr am Ostbahnhof!“ erzähle ich zum wiederholten Mal, damit auch nichts schief geht. Lara nickt und geht von dannen. Am nächsten Morgen stehe ich früh auf um alles fertig zu machen. 11 Uhr Ostbahnhof, ich bin pünktlich wie ein Maurer. Aber Lara ist es nicht. Meine Augen grasen die Gleise ab und trotzdem, die rotschopfige Bohnenstange ist nirgends zu sehen. Just in dem Moment erreicht mich eine SMS: „Wir stehen an Gleis 11, wo bist du?“ Gleis 11? Es ist nicht nur das falsche Gleis, nein, es gibt auch gar kein Gleis 11. Schnell rufe ich sie an.

„Sag mal, du weißt schon, das wir uns am OSTBAHNHOF treffen?“

Nein, sie weiß es nicht und steht mit Martin und Dennis (Freunde von uns) am Hauptbahnhof herum. Eine kleine Welle von milden Beleidigungen später setze ich mich in die S Bahn zum Hauptbahnhof.

„Also, wir suchen uns einfach ein anderes Ziel aus.“ beschließen wir, nachdem ich dort angekommen bin. Gemeinsam studieren wir die Anzeigen und einigen uns schließlich auf den Ammersee. Da kann man mit der S Bahn hinfahren. Gerade meine ich, das wenigstens jetzt nichts mehr passieren kann, da stellt Lara fest: „Ich hab meine Fahrkarte gar nicht dabei. Also, ich mein, mir fehlt der ganze Geldbeutel! Ich bin grad schwarz gefahren!“ Ich bin fassungslos. „Sag mal Kind, ist das da ein Kopf auf deinem Hals?“ Sauer sein bringt gerade nicht viel. Die Jungs werden allein an den See geschickt – wir versprechen, nachzukommen. Wir Mädels fahren zurück in unser Wohnheim und holen den Geldbeutel. Lara muss natürlich schwarz fahren, aber die alte Schusselliese hat natürlich wieder Glück und wird nicht kontrolliert. Allerdings fahren wir eine Station zu weit, und das gleich zweimal. Wäre wenig tragisch, wenn nicht gerade an alen Gleisen gebaut werden würde. So kommen die Bahnen mit enormer Verspätung und erst am Nachmittag erreichen wir Herrsching am Ammersee. Ich hätte jedes Recht, wütend zu sein, aber unterwegs lästern Lara und ich so herrlich wie schon lange nicht mehr und das sorgt für gute Laune.

Als wir in Herrsching ankommen, sind die Jungs schon wieder heimgefahren, was man ihnen nicht verdenken kann. Da aber die Sonne scheint und der See so herrlich funkelt, bleiben wir da und suchen uns etwas abseits gelegen ein Stückchen Ufer aus. Lara lässt es sich in der Sonne gut gehen und ich versuche, einen nahegelegenen Steg in mein Notizheft zu zeichnen. Das Resultat ist ernüchternd und ich gehe schwimmen. Später bin auch ich in der Sonne. Wir liegen mit unseren Badetüchern so nah am Wasser, das es dann und wann herankommt um uns am Fuß zu kitzeln.

Lara hat eine schwarze Sonnenbrille aufgezogen, mit der sie aussieht wie eine Verschmelzung von Thelma und Louise. Begeistert erzählt sie mir von der Mondfinsternis, die in der vorangegangenen Nacht stattgefunden hat, von der ich aber gar nichts mitbekommen habe. Allerdings macht mich ihre Erklärung: „Eine Mondfinsternis. Wenn sich die Sonne vor den Mond schiebt.“ auch etwas stutzig, denn von plötzlichem Sonnenschein mitten in der Nacht habe ich wirklich noch nie etwas gehört. Ich lache sie und ihren Verhaspler hämisch aus und sie nimmt es mir nicht lange übel.

Auch beim späteren Wolkenschauen ist Lara mal wieder unschlagbar: „Die Wolke da schaut aus wie ein Hund. Voll wie ein Hund! Na, oder ein Rind.“

Am abend packen wir unsere Sachen zusammen und machen uns auf dem Heimweg. Schöner wäre es am Chiemsee auch nicht geworden, denke ich mir.

Wo die Gänsebläh wachsen und der Partybus steht

Community Treff aus der Sicht der Bundeskanzlerin

„Das muss doch weh tun!“ beschwert sich die Gottheit neben mir, aber ich kann nichts dafür, jeder grün-weiße Partybus muss kräftig von mir besungen werden.

Es ist Freitag, die Sonne scheint und Apo fährt uns nach Roßmühle – soll heißen, eigentlich schiebt sie uns Zentimeter für Zentimeter durch die verschiedensten Staus, an denen die Sachsen Schuld sein müssen, denn deren Ferien sind vorbei. Da hat die Gottheit sehr damit zu tun, die Nerven zusammenzubehalten, was mich nicht daran hindert, auf diesen ordentlich herumzutanzen: „Grünweißer Partybus, SCHALALALALAAAAAA…“

Stunden später stehen führt uns das etwas penetrante tomtom – „Nehmen Sie die Ausfahrt und dann – NEHMEN SIE DIE AUSFAHRT!“ – durch die Zielgerade. Wir steigen aus und fragen uns ganz kurz, ob diese drei Wiesen die Fahrt wert waren, aber da tauchen schon die wahren Gründe für das Unternehmen aus bereits aufgebauten Zelten auf – unsere lieben VCler. Einige identifizieren und umarmen wir schnell, bei anderen geht der verhaltene Reigen los, hauptsächlich aus den Sätzen: „Wer bist du?“ und „Wie heißt du wirklich?“ bestehend. Bei dayan dauert das Spiel am längsten, denn jedes Mal, wenn ich sie nach ihren zwei Identitäten frage, fällt ihr jemand ins Wort: „Die Verrückte!“
Man hätte sich vielleicht vorher Erkennungszeichen ausmachen sollen – so wie Nealsus, unverkennbar berockt und bezopft.

Ziemlich schnell gehen wir dazu über, uns den drei wesentlichen Aspekten des Zeltens zu widmen: Zu viel essen, zu viel trinken, zu viel rauchen – dazwischen immer mal ein Nickerchen machen. Und während sich Apo noch darüber schlapp lacht, dass meine Socke das Zelt zu machen kann, sind draußen schon die ersten Grillfackeln gar.

Der Zeltplatz wird nun langsam voll und das Camp Leben wird schnell durchorganisiert. Webby bekommt ein Asketenzelt aufgebaut, Urinalgruppen bilden sich, Fress – und Saufgemeinschaften sowieso. Ich selbst schnorre mich rechts und links durch, denn hier hat eh jeder zu viel. So richtig schön wird es dann am Abend am Lagerfeuer, wo sich jeder auf seine Weise die Kante gibt. Ich präferiere sichtlich die Flasche Wein, die Chefin hat dubiose Vitamingetränke am Start und Bits…wer weiß, von welchem Geist er besessen war als er dem Hang androhte: „Wehe, es geht bergab!“ (Bei Shakespeare würden so Dramen beginnen)
Im Gegensatz zum Zimmergenossengott, der schon frühzeitig ins Regentenzelt (Gott und Bundeskanzlerin sitzen hier am Hebel) entschwunden ist, krieche ich zu einer Zeit in die Koje, zu der in diversen Klöstern schon wieder die ersten Gebete gesprochen werden.

Was macht man wohl tagsüber auf einem Zeltplatz? Erst einmal schläft man so oft und so viel wie möglich um dann am Abend wieder fit für das Feuer zu sein. Außerdem aber hält man sich mit vielen kleinen Einzelbeschäftigungen auf Trab: Man schmiedet einen Mordkomplott für die umliegenden Nachbarzelte (für den Fall das Slash Kick Würzburg fehlschlägt), man rennt auf Steilhänge um Stöcke zu suchen, man schwimmt fünf Minuten gegen den Strom, man lauscht Bayern 1 während man auf der Toilette ist und man beschmeisst sich gegenseitig mit „Gänsebläh“ (Blümchen ist ja nun auch echt ein scheißlanges Wort). Außerdem rottet man sich zusammen um Blödsinn zu quatschen und zu verzapfen, ganz so, wie es die Bundeskanzlerin gern hat. Längst schon wiegt sich die umfunktionierte Hundedecke dayans als STVC Flagge im Wind und signalisiert jedem: Wir haben sie nicht alle und wir stehen dazu. Permanent und unauswaschbar.

Mit dem Eintritt der Dämmerung sitzen wir schon wieder am Lagerfeuer, diesmal mit einem Dutzend Fackeln zuätzlich. Zu gerne würden wir nun lynchmobmäßig zu den Nachbarzelten aufbrechen, wo nun zum dritten mal ein Sänger seiner fiktiven Ansprechperson aus der Stereoanlage heraus mitteilt, sie habe doch die Haare schön. Beim darauf folgenden „Wir sind alle über vierzig“ handelt es sich um eine arge Beschönigung, denn die Kerle, die im fetten Partyzelt hausen, müssten schon andere Altersgrenzen überschritten haben und machen auch sonst den Eindruck, als wären sie von ihren Frauen (so fern vorhanden) vor die Tür gekehrt worden. Im Endeffekt lassen wir uns aber dann doch gegenseitig in Ruhe.

Derweil gehen die Marschmellows rum und Brötchen werden fachmännisch im Feuer erhitzt. Andere Dinge hingegen werden gleich verbrannt, und das ist nicht wenig. Nachdem es einen Alubehälter fast schon aus Versehen erwischt hat, kann man behaupten, dass es im Folgenden lediglich ein Versehen war, wenn etwas nicht in den Flammen landete. Hier muss allerdings erwähnt werden, dass so ein Plastebecher schon niedliche Zuckungen macht, wenn er da in sich zusammenschmilzt.

Gegen Mitternacht werden die Marschmellows zu Arschmellows und eine anhaltende Meningknietis macht uns zu schaffen. Allmählich entschwinden alle wieder in Zelte, Residenzen und „Kabinen“, während draußen schon der Sonntag spazieren geht.

Dösig ist der Gesichtsausdruck, mit dem ein jeder aus seinem provisorischen Bett steigt und Paparazzi wie Nealsus halten das ganz gern mal für die Nachwelt fest. Auch die bereits vorher angelegte „Arschfoto“ – Kollektion darf man als besonderes zeitgenössisches Kunstwerk gelten lassen, dass sicher noch vielen Generationen zu denken geben wird.
Nun macht sich aber langsam die Aufbruchsstimmung breit und ein Zelt nach dem anderen fällt in sich zusammen. Zum Andenken hinterlässt die Gottheit noch einen der Zeltheringe (weil die Bundeskanzlerin zu schwach war, ihn zu entfernen) und dann ist es an der Zeit, die VC-Headquaters aufzulösen.

Fast ohne Stau und daher ziemlich fix bringt mich Gottes Wagen (der mit dem Komo-Dor auf der Motorhaube) wieder nach München zu meinem Wohnheim. Dort tüdel ich leise vor mich hin: „Blauweißes Smartie-Eis, schalalalala…“

Schön war’s, liebes Gefolge.
Die Bundeskanzlerin dankt.

„Andromedas Briefe“ von Adrian Plass

Eine Buchrezension nur für Apophis

(Wer einen Zusammenhang mit der Serie „Andromeda“ vermutet – dem ist nicht so. Tut mir leid)

Weil Apo es sich gewünscht hat und ich es für eine gute Idee hielt, stelle ich hier mal eben das Buch „Andromedas Briefe“ vor.

Andromeda Veal ist ein kleines Mädchen (fast 8, wie sie gerne betont). Bei dem Versuch, gleichzeitig die Rollschuhe von den Füßen und Müsli in den Mund zu bekommen, bricht sie sich den Schenkel und muss ins Krankenhaus. Da ihre Mutter, eine Feministin wie sie im Buche steht, nicht bleiben kann und ihr Vater nicht einmal weiß, dass sie im Krankenhaus ist, langweilt sich die kleine Andy fast zu Tode. Doch zum Glück gibt es da die Familie Plass – bei dieser war Andromeda schon einmal zu Besuch und als die Plassens vom Schicksal der kleinen Frau Veal erfahren, motivieren sie die gesamte Kirchgemeinde zum Briefwechsel. Von nun an erhält Andy Pandy eine Menge skurriler Texte.

Da wäre zum einen Adrian Plass‘ Sohn Gerald, der Andromeda Veal eine Weile mit der Frage beschäftigt, für welchen Namen man das Anagramm „Love and a dream“ zusammenstellen kann. (Anagramm = Umstellung der Buchstaben zu neuen Wörtern)

Charles von der „Bibelschule Tiefe Freunde“ verwirrt das Mädchen mit seinen Gratulationen: „Welch Glück! Auszugleiten und dergestalt den Boden zu berühren, daß die Folge eine ernsthafte Verletzung ist, die nach einer langen Periode intensiver professioneller Pflege verlangt! Was könnte willkomener sein?“ Für diese Zeilen kann sich Andromeda dann aber rächen, als Charles sich bei einem Besuch den Zeh anstößt: „Oh! Eine C anzustoßen!Welches Glück! Welch überflüssige Freude, einen affengailen Schmerz im Fuß zu haben!“ (Mit acht Jahren haut’s bei Andy mit der Rechtschreibung noch nicht immer so hin)

Die etwas engstirnige Mrs.Flushpool weigert sich, das Mädchen beim Namen zu nennen, weil sie okkulte Hintergründe vermutet: „Haben dein Vater und deine Mutter etwa in den finsteren Wasserstrudeln der Esoterik herumgeplanscht?“

Aber auch Andromeda’s eigene Briefe sind nicht ganz ohne. Dem Papst schreibt sie, dass sie es nicht fair findet, wenn ungetaufte Babys „for der Himmels-Forte Limbo tanzen“ müssen und anstatt „mit Liebe“ schreibt sie „Logische Bindungen“ oder „Nohtschlachtungsfoll“ in ihre Signatur. Außerdem borgt sie sich Geralds „persönliches Problem“ aus – seinen Walkman.

Letztendlich wendet sich die kleine Veal mit ihren Fragen (Wer Gott gemacht hat, wo der Himmel ist und ab sie bald Schokolade bekommt) ganz nach oben – und schreibt einen Brief an Gott.

Fazit: Adrian Plass müsste eigentlich seine eigene Sparte bekommen: „Liebevolles Blödeln mit Religion“. Wie auch in seinen anderen Büchern werden die Macken der Christen ordentlich auf die Schippe genommen und dennoch versteckt sich immer ein kleiner spiritueller Ratgeber darin, der einem sagt: Komm, sei nicht so! Auch Gott hat Humor!
Für mich genau das Richtige – ich hab mich schief gelacht.

Weitergeleitetes Leid

Von Mails, die ich meinem ärgsten Feind nicht schicken würde…

Da nun auch schon das StudiVZ (eigentlich eine Plattform zum wiederfinden alter Schulkameraden und Bündnis schließen mit anderen Studenten) zum Versenden gewisser Nachrichten missbraucht wird, erfolgt hier nun mal eine Übersicht über die Arten von Mails, deren Existenz ich gerne ausrotten würde.

1. Kategorie: „Schick-das-weiter-oder-STIRB“
Was soll das? Warum schickt mir jeder, der mich in seinem Adressbuch stehen hat, diese Mails? Und wer denkt sich das aus? Es reicht von „10 Jahre Pech in der Liebe“ bis zur halben Todesprophezeiung, was einem in diesen Kettenmails angedroht wird, sollte man sie nicht an mindestens 15 Leute weiterschicken. Da tun einem ja schon die Menschen leid, die gar nicht so viele Menschen kennen – da haben die armen Säcke schon fast keine Freunde und dann gehen sie deswegen noch drauf! Die hätten ja nicht mal die Möglichkeit, diesen Flüchen zu entkommen. Im Ernst, warum sollte ich das weiterschicken, noch dazu an meine Freunde? Denen wünscht man in der Regel kein Pech (jedenfalls nicht außerhalb der selbstgebastelten Normen für Gerechtigkeit in der Welt).
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2. Kategorie: „Ist das nicht ent-supi-niedlich?“
Es ist in Ordnung, wenn du Diddl-Mäuse liebst. Es ist vollkommen legal, einen Teddy im Bett liegen zu haben. Ich werde niemals darüber spotten, wenn jemand Glücksbringer-Kuscheltiere zu Prüfungen mitbringt. Aber Mails, die schon im Betreff-Text Anmerkungen wie „Eine schöne Geschichte“ stehen haben – das ist eindeutig ein Auslöser für diesen Brechreiz, der mich dann und wann überkommt. Erstens sind diese Wahnsinnsgeschichten, Gedichte und Plüsch-Power-Point-Präsentationen einem schon so bekannt, dass es weh tut, zweitens: Wenn mich ganz plötzlich das Gefühl überkommt, ich müsste jetzt 53 Steiff-Teddys anschauen, dann kann ich „Steiff-Teddy“ in der Suchmaschine meines Vertrauens eingeben und habe, was ich brauche. In der Regel interessieren mich schöne Geschichten nur, wenn sie der Absender selbst erlebt hat. Ansonsten weckt mich, wenn der Weltfriede da ist.
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3. Kategorie: „Wer-das-nicht-weiterschickt-hat-mein-Kind-getötet“
Wie abartig gestrickt muss jemand sein, um so mit dem Mitleid der Menschen zu spielen? So, AOL zahlt euch 50 Cent für jede Mail, die weitergesendet wird, damit der arme Fridolin ein neues Herz, eine neue Lunge, ein neues Leben bekommt? Aber Kontakte zum Direktspenden gebt ihr nicht an. Hat AOL sicher verboten, hm? Oder: Ihr wollt mich total veräppeln. Und ich tippe da auf Möglichkeit 2. Das wirklich fiese an diesen Mails ist, dass man tatsächlich ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man sie nicht weiterschickt, a la „Und wenn’s nun doch stimmt?“ Und wenn tatsächlich mal ein Hilfegesuch reinschneit und jemand nach einer passenden Blutgruppe sucht, dann denkt sich der abgebrühte Kettenmailempfänger: „Alles klar, und den Weihnachtsmann gibt es wirklich.“ , nur weil man zuvor diese ganze Rotze geschickt bekommen hat. Ich bitte euch alle: Spendet richtig oder lasst es.
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4.Kategorie: „Das-funktioniert-äääääscht-Spiel“
Man kann nur mit dem Kopf schütteln. Schreibe so und so viele Zahlen auf, schreibe so und so viele Namen dahinter, bla bla blubb und hast du nicht gesehen, dort und da steht der Name von dem, den du lüüübst! Na, ach, nee. Als wenn dem normal tickenden Menschen nicht auf Anhieb die Leute einfallen würden, die ihm am nächsten stehen. Die kleinen Spielchen versuchen noch, einen zu verwirren, indem sie einen erst was hinter die 3 schreiben lassen, dann hinter die 5 und so weiter und sofort. Ja, bin ich denn knacksig im Kopf, dass ich das nicht merken soll? War irgendwo ein Hinweis „Bitte nur mit einem IQ über 5 mitspielen!“, den ich überlesen habe? Und dann die alte Leier: schick das weiter, sonst beisst dich ein siebenköpfiges Malzbier genau in die Achselhöhe. Und wenn du’s weiterschickst, dann geht dein Wunsch in Erfüllung! Oh, wenn das so ist: Einmal fest „Weltherrschaft“ denken und ab dafür!
Löschen!

Früher hat es die Abergläubigen wenigstens noch Zeit und Geld gekostet, die vielen Briefe abzuschicken – jetzt geht der Wahnsinn per Mausklick in die Welt.

Wer jetzt das Gefühl hat, er müsste diesen Text jemandem in die Mailbox stopfen, der tue sich keinen Zwang an.
Angemerkt sei nur: Heute wird hier niemand sterben, weil er es nicht tut.

Ich dachte, du liebst Mohnbrötchen?

Werbung gibt mir Kraft

Manche Werbungen sind so herrlich blöd, dass ich sie am liebsten für die Nachwelt aufzeichnen möchte.

Eine meiner Lieblingswerbungen ist die mit den zwei älteren Damen, von denen sich die Eine doch glatt weigert, die heißgeliebten Mohnbrötchen, die ihr angeboten wurden, anzunehmen. Begründung: „Ich hab da was am Zahnfleisch!“ Und dann kommt mein Lieblingspart! Die andere Dame, wahrscheinlich ausgebildete Super-Zahnfleisch-Expertin mit Mohnbrötchendiplom wirft beim Sprechakt ihrer Freundin nur einen kurzen Blick auf deren Zähne, erkennt rasch alle speziellen Symptome dieser Zahnfleischentzündung, erstellt eben so schnell eine Diagnose und kann somit fachmännisch beurteilen: „Hat ich neulich auch! Aber ich hab’s weg gekriegt mit…“ (Hier versagt schon mal der ganze Sinn der Sendung, denn ich kann mir das Wundermittel partout nicht merken). Woah! Wozu noch Ärzte aufsuchen, wenn die Freunde des Semmel-Mohns schon genau Bescheid wissen! Aber schon der entsetzte Ausruf am Anfang des Spots „Ich dachte du liiiiieeeebst Mohnbrötchen!“ lässt mich ja mißtrauisch werden. Warum ist das so eine große Sache? Meine Theorie: Dieser harmlose Werbespot ist eine geschickt getarnte Agentengeschichte. Da will doch tatsächlich die eine Agentin die andere mit einem Mohnbrötchen vergiften! Aber die, nicht blöd, checkt die Sachlage und täuscht Zahnprobleme vor. Das kann Agentin Nummer eins nicht gelten lassen und preist ein Wundermittel an – damit die Alte sich doch noch das Brötchen in die Frete schiebt. FIES! Und verdammt, wie geht es weiter? Muss das sein, dass die spannende Werbung ständig vom Spielfilm unterbrochen wird? Und hat irgendjemand Litwinenko vielleicht vor seinem Tod den Satz: „Ich dachte du liiiiieeeebst Sushi?“ unterbreitet?

Ein anderer Liebling von mir ist eine Putzmittelwerbung (und schon wieder versagt das Konzept, wie heisst die Reinigungsbrühe???). Eine Weltklasse-Mama beginnt den Spot mit der sinngemäßen Aussage: „Woah, meine Kinner sind das Letzte, die sauen mir das ganze Haus ein, Ferkel sind das, FERKEL!“ Und dann sausen die beliebten Fleckenmuster in das zu disem Zweck viergeteilte Bild und eine Männerstimme die wir alle heiraten wollen, wenn wir ehrlich sind, kommentiert: „Schmutz, Kaffee, Rotwein…“ Entschuldigung? Deine Kinder sind Ferkel? Ja, klar, gestern erst, als die kleine Lisa, 8 Jahre alt, mal wieder unvorsichtig mit ihrer täglichen Flasche Rotwein war und diese komplett auf dem hellen Teppich entleert hat. Und ihr Bruder, der dumme Hannes, gerade mal 3 Jahre, hat schon wieder seinen Kaffee über den ganzen Flur gekotzt. Da würd ich auch die Meise bekommen und zum nächstbesten Ätzmittel greifen. Kinder! Schlimm! Und hey, Fräulein: Echt clever, dass du mit deinen 500 Kindern und dem Hund, der sich nie die Füße auf der Matte abstreift, auf einen HELLEN TEPPICH bestanden hast! Manchmal muss man eben Prioritäten setzen, nicht wahr?

Oh, ja, ich liebe Werbung. Sie kann mir gar nicht dumm genug sein.

Siehst du die Sonne nicht…

Szenen eines Tages in München

Auf dem Viktualienmarkt ist der spontanste aller Flashmobs ausgebrochen; alle Passanten bedienen sich der selben Geste: Sie halten die Hand über ihre Augen, denn die tiefstehende „Winter“sonne macht es unmöglich, auch nur irgendetwas zu sehen. Umliegende Läden werden zur Freude der Besitzer von sonnensatten Menschen bevölkert.

 Am MVV Verkaufsstand möchte ich gerne zwei Ein-Euro-Stücke in eine Zweiermünze tauschen, um im Unigebäude das Schließfach nutzen zu können. Der Verkäufer meint: „Die kann ich nicht wechseln, die brauch ich zum rausgeben.“ Ich starre verwirrt auf meine Münzen, auf dass sie mir diese Logik näher bringen möchten, dann verstehe ich. „Was ist, wenn ich was kaufe?“ frage ich. „Wenn Sie was kaufen, ist’s was anderes…“ Mit einer Packung Mentos und einer adäquaten Münze verlasse ich den U-Bahn Tunnel und frage mich, ob der fehlende Schnee sich auf die vorweihnachtliche Stimmung schlägt.

An einer Parkleuchte klebt ein Zettel mit der Aufschrift: „Tiermedizin-Studentin passt auf ihren Hund auf“ und ich muss lachen. Natürlich gebe ich meinen Hund einer TierMEDIZINstudentin. Natürlich.

Zwei alte Damen spazieren durch den Park und unterhalten sich lautstark. Eine meint: „Wenn ‚de todkrank bist, isses a nimma wichtig, ob de Geld hast!“ Darüber denke ich eine Weile nach und komme zu dem Schluss: „Doch.“

Ein anderer Parkleuchtenaufkleber appelliert mit biblischer Anlehnung an die Hundebesitzer: „Guter Wille kann Häufchen versetzen.“

 In der S-Bahn sitzen ein paar Mädchen hinter mir und unterhalten sich in einem für Mädchen als typisch erachteten Tonfall. Mit einem Buch kann ich dem zwanghaften Lauschen entgehen, bis eines der Mädchen über eine Freundin herzieht, die sich ‚ritzt‘: „Erst hab ich ihr den Zirkel weg genommen, dann diese Schraube, weisst schon, die sie da immer benutzt hat, dann hatse sich aufgeregt, was das soll, ist doch ihr Leben, kann mir ja egal sein, da hab ich’s ihr wieder gegeben, hab gesagt, mach doch was du denkst, jetzt kommtse immer an, erzählt mir, dasse sich geritzt hat, und das die Tanja sich auch geritzt hat – aber als ich Fußball angefangen hab, hatse gemeint, du musst nicht Fussball spielen, nur weil die Tanya Fußball spielt! Und dann erzählt sie mir’s immer, so ja, hab mich geritzt, da sag ich dann immer ja, schön, ja toll, regt sie sich auch wieder auf, warum interessiert dich das nicht, was ich mach? Weißte? Zu Weihnachten schenk ich ihr drei schöne Nadeln oder’n Skalpell, mein Vater hat gemeint, ich soll ihr ein Skalpell schenken…“

Nachdem Verlassen der S-Bahn zünde ich mir im strömenden Regen eine Zigarette an und ein Ohrwurm klebt in meinem Kopf: „Siehst du die Sonne nicht, über dir…“